Dienstag, 2. November 2010

Istanbul - Brennpunkt Binnenmigration





Winter im Gecekondu von Istanbul-Uemranye



Mittellose Bewohner reissen Fetzen von den Plakatwänden, um sie in ihren Holzkohleöfen zu verfeuern. In der Perspektive der Autobahnzuführung, zerstörter Konsumillusionen und vereister Trottoirs stossen vier pfeilschlanke Minarette in den winterlichen Himmel. Am Ende der Zuführung, an der Einfahrt zum Gecekondu steht die neue Quartier-Moschee. In ihrem Untergeschoss ist ein Versammlungslokal mit einer Suppenküche eingerichtet.




Im Bild aus dem Inneren des Gecekondus, aus der entgegengesetzten Richtung aufgenommen, erscheint die glühende Silhouette der  Minarette im Gegenlicht der sinkenden Sonne. Verklärt wölbt sich die Kuppel der Moschee hinter einer  grauen Front bunt zusammengeflickter Wohnschuppen und dem wackligen Baugerüst eines mehrgeschossigen Mietblocks, welcher gerade renoviert und aufgestockt wird, damit er mehr Rendite abwirft.



In der Wohnmisere um sie herum mag die Moschee manchen Bewohnern des Gecekondus Zuflucht bieten und ihre Gewissheit stärken, dass eine höhere Instanz sie am Ende für die erduldeten  Erniedrigungen entschädigt. Es sind wohl besonders die Aermeren, die in der Stadt nie wirklich angekommen sind und geringe Chance haben je zu den Arrivierten zu gehören. Den Ankommenden dient die Moschee wohl als Orientierungshilfe im Labyrinth ausufernder Vorstadtsiedlungen, denn von den Anschlüssen zu den Stadtzentren und zur Ring-Autobahn sind ihre Minarette weithin sichtbar. Im verzweigten Inneren der Siedlung  angelangt, muss sich ein fremder Besucher bei werweissenden Bewohnern zum Ziel durchfragen. Er ist aus der Hektik des Grossstadtverkehrs in eine dörflich-anatolische Wirklichkeit versetzt, steckt ratlos in einer unüberschaubar grossen Ansammlung von Bungalows und schäbigen Mietshäusern, in welcher eine andere Zeit gemessen wird als im Zentrum, der City, von wo er herkommt.



Ein schmutziger gefrorener Tümpel liegt zwischen ein paar einstöckigen Katen. Am Strassenrand brennt ein Kohlefeuer unter einem Rost. Es riecht nach brutzelndem Hammelfett und Kohlesmog aus Blechkaminen. Um die Ecke, an Staudengärtchen, schwarzen Schneehaufen und dem Depot eines Kohlehändlers vorbei, steht ein mehrfach aufgestocktes Miethaus. Am Eingang zu dessen Hinterhof, in welchem sich Baugerümpel stapelt, hat der Besitzer ein blau gestrichenes  Metalltor angebracht, um das Areal gegen diebische Nachbarn und Neusiedler abzusperren. Auf diesem massiven Tor zeigen Bewohner des Hauses, einem verbreiteten Brauch folgend, mit grossen schwarzen Buchstaben den derzeitigen militärischen Aufenthalt eines jungen Mannes an: „O  SIMDI  ASKER  81/2  HATAY“ – „Er dient jetzt als Soldat der Einheit 81/2 in Hatay“.

Hatay, Antakya! Der Rekrutierte ist weit fort von hier. Die Nachbarn sollen wissen: Ein Sohn der Familie erfüllt seine Ehrenpflicht in der Armee. Der junge Mann hat mit Freunden zusammen auf dem Dach des baufälligen Blocks Brieftauben gezüchtet. Nach einem Jahr, in welchem er Beulen von Schlägen und Frost einstecken lernt, wird er als vollwertiger Erwachsener in die elterliche Wohnung und zu seinem Taubenschlag zurückkehren.

Der Heimkehrer wird nach abgeleisteter Pflicht wohl vorerst weiterhin bei den Eltern unterkommen und seinen Verdienst bei Gelegenheitsarbeiten mit der Familie teilen. Uemranye ist sein Zuhause, aber seine Heimat ist nicht das Gecekondu. Die Eltern sind aus einem fernen Dorf nach Istanbul gezogen, weil sie sich für ihre Kinder in der Grossstadt bessere Chancen versprachen als in der wirtschaftlich vernachlässigten Provinz. Die Grosseltern und ein Teil der Verwandtschaft leben noch in jenem Dorf am anderen Ende der Türkei.

Hatay heisst die unbekannte Stadt, in welcher der Sohn jetzt dient. Sie liegt hinter der östlichen Riviera des Mittelmeers. Ihr Name auf dem blauen Tor ist mit Spraystössen schwarz umwölkt. Die Tauben werden kaum Nachrichten nach Hatay oder von dort zurück zu den Eltern, Geschwistern und Freunden tragen. Weshalb nicht doch? Lassen wir uns eine Gecekondu-Arabeske einfallen, in welcher sich dieser Wunsch erfüllt:

                                                  
                                                   Es fliegt eine Taube.
                                                   Von Südost über den Taurus
                                                   fliegt sie und geblendet
                                                   über den Salzsee.
                                                   Ueber den Sakarya-Sümpfen
                                                   trödelt sie den Mäandern entlang.
                                                   Sie kreist zwischen Hügeln
                                                   über einem Kindergrab.
                                                   In der Kammer verschlossen
                                                   ist königliches Spielzeug:
                                                   Greif, Löwe und Pferd.                                              
                                                   Vor der Sonne fliegt sie dann
                                                   flugs nach Nordwest -
                                                   und flattert flink eines Abends
                                                   auf einem Hausdach
                                                   unter die löchrigen Säcke.
                                                   In der Kapsel trägt sie
                                                   aus ihrem Urlaub Botschaft.
                                                   Bringt heim nach Uemranye
                                                   Nachricht vom Soldaten,
                                                   Botschaft vom Sohn:
                                                   dass er fern, dort
                                                   wo sich mit Feuerstössen
                                                   die Heimat eintreibt,
                                                   an den Taubenschlag
                                                   und an die Freunde denkt.
                                                   Dass er sich kümmert um sie
                                                   und um das Futter.





Das Gecekondu von Uemranye/Istanbul im Blickwinkel des „Carrefour“-Einkaufszentrums

Die Filiale des französischen Shoppingriesen hat sich an der Hauptverkehrsachse östlich der Bogazici-Highgate an entwicklungs- und verkehrsstrategisch hervorragender Stelle positioniert, präzise: am Kreuz der nordöstlichen Ringautobahn und der Sile-Autobahn. In dieser Verkehrszone liegt sie hart am Rand des Gecekondus des Stadtbezirks Uemraniye.

Durch die Fensterfront hinter den Kassenbatterien, über der endlosen Reihe ineinander geschobener Einkaufswagen, erscheint der winterliche Horizont des Gecekondus auf der asiatischen Seite des Bosporus. Durch die Doppelverglasung wirkt die Dorfstadt mit dem Minarett ihrer Moschee wie eine Fata Morgana der Vergangenheit. Randständiger Wildwuchs wuchert dort in eine ungewisse Zukunft hinaus. Auf dem teuren Baugelände hinter dem Parkplatz rücken die Betongerüste von Wohnblöcken an den Fuss des Hügels heran, auf welchem sich das zählebige Gecekondu, unbekümmert um Baugesetze, ihr kündbares Daseinsrecht ersessen hat.

Die Stadtplanung wird ihre Verzweigungen zunächst nicht einholen, denn sie klettet sich bald an ihre Umgehungsstrasse, an der kleine Geschäfte Standortvorteile nutzen, und stösst ihr entlang auf neue, noch unerschlossene Territorien vor. Aber die Verkehrsachse setzt dem ungeplant-organischen Wachstum einen Sperriegel. Im Umkreis des Autobahnkreuzes entstand eine Konfliktzone. Hier wird die Gecekondusiedlung auf den Pannenstreifen gedrängt. Selbst die Moschee, welche die Legitimität ihrer Zulassung zu erhöhen schien, schützt ihre Randquartiere wohl nicht mehr lange vor dem Vormarsch der Raupenbagger. 


Do-it und Pepsi

Bis zur Decke überquellen die Gestelle mit Zweiliter-Petflaschen. Coca- und Pepsi-Cola türkischer Lizenzproduktion sind die Marktleader. In erdrückender Perspektive türmen sich über den für den Kunden erreichbaren sechs Gestellen nochmals  fünf glänzende Reihen Coca-Cola-Flaschen, elf insgesamt. Werbefassade. Der Angestellte an der Palette trägt zum Ueberfluss ein rotes Coke-T-Shirt.

Im „Günün Pazari“ überquellen die Mandarinen in ihren zu Amphitheatern hochgestapelten Kisten und ihre Tagesfrische erstrahlt unter der von Solariumlampen erzeugten Sonnenkraft. In glänzenden Taschen türmt sich unter kinoleinwandgrossen Discountpreis-Schildern das Waschmittel, welches die Sonnenkraft für die Wäsche verspricht. Und in der Haushaltabteilung versprechen Batterien von Bosch-Waschmaschinen den Hausfrauen die Freiheit von der Waschfron.

In der Filiale des deutschen Unternehmens „Praktiker“ im gigantischen Shoppingkomplex von Uemranye animiert eine modisch ausgerüstete Puppe mit Schutzhelm, Oel-Pellerine, Schutz-Brille und Staubmaske den Selfmade-Bauarbeiter-Schweisser-Schleifer-Lackierer zum Zugreifen. Alles nichts Neues. Doch: Hat eine türkische Gewerkschaft  nicht bloss die Legitimität, sondern auch die nötige Macht, in Europa geltende Schutznormen für die Arbeitskräfte in Betrieben - zum Beispiel des Bau- oder Transportgewerbes - durchzusetzen? Und: Sind Migranten überhaupt gewerkschaftlich organisiert? Wieviele von ihnen erfüllen die dazu notwendige arbeitsrechtliche Voraussetzung?

Der Bauherr eines Selfmade-Hauses im Gecekondu wird sich den Praktiker-Luxus jedenfalls schon darum nicht leisten wollen, weil sein lichtscheues Unternehmen niemandes Neugier wecken darf. Ein Detail fällt auf, weit mehr als bloss Etikette, unscheinbare Marke des enormen gesellschaftlichen Wandels: Ueber dem Eintritt der Konsum-Paradiese fehlt das Schild „Mashalla“, welches der kleine Kohlehändler der Siedlung über  den Eingang seiner baufälligen Bude an der Ecke einer hinterwärtig gelegenen Gasse genagelt hat. 




Carrefour im Blickwinkel eines Hochhaus-Panoramafensters

Der Maurer nimmt Mass mit dem Pendel. Ueber der Fensterbrüstung der zukünftigen Wohnung dehnen sich Zufahrt und Parkfläche des Einkaufzentrums. Die Betonfront zehngeschossiger Wohnhochhäuser rückt gegen das Gecekondu von Uemranye vor. Die von den Migranten „über Nacht“ errichteten Wohnhäuser - gesetzeswidrig, aber mit befristetem Daseinsrecht toleriert - haben dem von oben abgesegneten Bedarf zu weichen. Ob ihre Bewohner die Mietzinsen in den Betonblöcken dereinst bezahlen können, steht in den Sternen geschrieben. Falls ihnen ihr Haus und Grundstück inzwischen gemäss der Praxis in jüngster Zeit gegen Kauf als reguläres Eigentum überschrieben wurde, werden die Bewohner vom Bauunternehmen einen Verkaufspreis oder einen Anteil an den Neuwohnungen erhandeln. Eine Anzahl von Grundbesitzern werden von der Entwicklung profitieren. Vielleicht haben sie durch Aufstockung und Vermietung oder durch erfolgreiche Geschäfte ein Vermögen erworben und sind schon zuvor in den Mittelstand aufgerückt.
  



Vorrückende Blockbaufront aus der Perspektive des Gecekondus von Uemranye

Die Grenze ist eine aufgelassene Niemandszone. Doch die Betonskelette zukünftiger Wohnanlagen rücken hart an die dörfliche Welt des Gecekondus heran. Im Hintergrund sind Partien eines Supermarkt-Komplexes und neuer Siedlungsgebiete im Umkreis der Autobahn sichtbar. Die ältern Liegenschaften nahe an der Baufront - ein- bis dreistöckige, teilweise baufällig Häuser - sind noch bewohnt. Die Quartierstrasse ist im Winter schlecht geräumt, ihr Asphalt ist löcherig und an vielen Orten aufgerissen. Die Trottoirs, sofern überhaupt vorhanden, sind knöcheltief mit Schnee zugedeckt und nicht begehbar; die Bewohner kämpfen sich durch schmutzigen Matsch, der nachts vereist.

Die neue Moschee am Eingang des ungeplanten Viertels repräsentiert die Grundsätze islamischen Rechts, welches beispielsweise verbietet, einem Bewohner sein einmal erbautes Dach über dem Kopf zu entreissen. Falls ein Zuzüger auf einem Landstück ein Haus schnell - über Nacht eben - bis zum Dach aufführt, dann hat er den Baugrund in Besitz genommen. Glückt ihm der Streich mit einer aufgebotenen Hilfsmannschaft von verschwiegenen Verwandten und Nachbarn ohne dass die Baupolizei einschreitet, dann hat er sich ein Bleiberecht erworben, welches die Stadtbehörde vorläufig respektiert. Sie wird mit der Zeit sogar nachhelfen und mit öffentlichen Mitteln eine provisorische Infrastruktur erstellen, sodass sich das Zusammenleben einer Stadtgemeinde nach öffentlich anerkannten Regeln einspielt. In einzelnen Quartieren werden nach und nach einstöckige Häuser erweitert und aufgestockt, auch blockartige Wohnhäuser mittelstädtischer Bauweise errichtet. Sofern ganze Quartiere nicht einem geplanten Bedarf weichen müssen, hat das Gecekonduquartier immerhin eine begrenzte Chance, sich allmählich und organisch von innen heraus zu verwandeln.

Der Bevölkerungsanteil der Gecekondubewohner beträgt inzwischen für Istanbul mindestens 45, für Ankara sogar etwa 60 Prozent. Die Anziehungskraft der Ballungsgebiete ist enorm; durch Gelegenheitsarbeit verdient ein Zuzüger in Ankara oder in der Marmararegion durchschnittlich doppelt soviel wie ein Landarbeiter in der Provinz. Der planmässige Familiennachzug ist deshalb mindestens in Zeiten der Hochkonjunktur in der Regel gesichert. Allerdings manifestiert sich in den Konfliktzonen auch dramatisch die soziale Disparität des Landes. In Ankara scheint sich das dichtbebaute, ärmliche Hügel-Gecekondu nördlich des alten Zentrums Ulus aus der Perspektive des Burgbergs oder des Altindag beinahe grenzenlos bis zu den fernen Bergketten auszudehnen. Das ungeregelte, meist ringförmige Wachstum der Gecekondus folgt normalerweise nicht den Highways und Ausfallstrassen der City, denn im Umfeld bestehender oder geplanter Verkehrsachsen ist das Risiko grösser, dass Gecekonduviertel zugunsten öffentlicher und privater Bauvorhaben - beispielsweise Spitäler, Einkaufszentren, industrielle Projekte oder militärische Einrichtungen - weichen müssen. Der Boden ist ohnehin meist für Projekte langer Hand reserviert. 





Detailaufnahmen aus dem Inneren der Dorfstadt

Komür und Oto Lastikci - Holzkohle-Handlung und Pneuservice. Im harten Winter stapelt der Kohlehändler im Gecekondu von Istanbul-Uenranye die mit Holzkohle abgefüllten Säcke gleich vor der Tür seiner baufälligen Bude zum Verkauf. Auch mit billigen Eisenblech-Oefen zur Befeuerung der Wohnstube und dem nötigen Zubehör macht er kein schlechtes Geschäft, solange die feuchte Hundekälte die Bewohner im Griff hält. Zentralheizungen sind selbst in besseren Gecekondu-Wohnungen nicht installiert. Auch der Autopneu-Händler macht hier im Winter mit aufbereiteten Billig-Reifen in seinem miesen Schuppen einen ordentlichen Schnitt.   

Einstöckige Wohnhäuser mit vergitterten Fenstern im Gassenlabyrinth - ein typisches Bild. Ist genügend Kapital vorhanden, werden bereits bewohnte Bungalows aufgestockt. Bedarf ist immer da, für Zuzüger, besonders für Verwandte aus der Herkunftsregion. Der Zugewinn an Mietzinsen verlockt oft zu abenteuerlichem Raumgewinn in den höheren Etagen. An der überforderten Kanalisation wird dauernd herumgeflickt. Leitungsbrüche und Ueberschwemmungen während einem heftigen Platz- oder Dauerregen sind die Regel. 

Kalt ist die Wintersonne: Die Katze auf dem vereisten Flachdach legt sich an die ausstrahlende Wärme eines Kamins. (s.Titelbild). 








Durch einen baufälligen Holzschuppen wird  ein ärmliches Gecekondu-Wohnhaus zur Strasse hin erweitert. Die Bewohner gewinnen durch diese Holzimprovisation eine Art von Hof wie im Dorf, wo sie gewisse Arbeiten zu verrichten pflegten. Der vergrösserte Bildausschnitt gibt einen Begriff von der Kargheit und Mühseligkeit, in welcher sich Zuzüger in der städtischen Umgebung oft einrichten müssen.





Das Geschäftszentrum des Stadtbezirks Uemranye

Während im Gecekondu-Viertel die von einzelnen Familien betriebenen Quartierläden und das Kleinhandwerk - der Barbier, der Schneider, der Klempner -  „wie zu Hause“ die nötigen Lebensmittel und Dienstleistungen anbieten und auch noch wöchentlich an der Hauptgasse der fahrende Markt seine Buden und Auslagen aufbaut, hat sich das Zentrum der alten Vorstadt zum Geschäftsquartier eines längst eingemeindeten Stadtbezirks entwickelt. Die Wohn- und Geschäftsblöcke sind acht- und mehrgeschossig. Durch einen „Fassadenlift“ hat sich das Quartier einen modernen Anstrich verpasst.

Doch finden sich gleichsam „im Sandwich“ zwischen Beton und Glas noch osmanische Holzfassaden. Ihr denkmalwürdiges Fachwerk ist mit Ornamenten verziert, wie es sich für vornehme Wohn- und Handelshäuser gehörte. Der halbnoble Unterbau beherbergt indessen Butiken, welche zum Beispiel Elektronik, Parfums, Musik, Lederwaren, Mode, Accessoires - teilweise billige Marken-artikel zwielichtiger Herkunft - vermarkten. Das Kaufangebot wurde „modernisiert“, das Spektrum der Dienstleistungen erweitert, die Attraktivität des Zentrums gesteigert.

Es schossen Bürohäuser in die Höhe, in denen sich die Dienstleistungsbranchen konzentrieren: Immobilienmakler, Advokaten, Notare, Aerzte, Zahnärzte, Apotheker, Fotografen, Typografen, Uebersetzer mieten sich oft in einzelnen Blöcken ein, reservieren für sich sogar ganze Strassenabschnitte. Geschäfte etablieren sich gerne in Passagen, wo sich die Branchen wiederum konzentrieren und ganze Korridore oder Stockwerke besetzen. Doch selbst der Strassenhändler mit seinem Stand oder Wagen behauptet hier seinen Platz und weckt den Eindruck, dass sein Gewerbe niemals ausstirbt.








Grossstadtwachstum und Beschäftigung


Eilende Transporteure auf der Ordu-Caddesi vor der Laleli-Moschee

Der Warentransport mit dem Handkarren über die Zufahrt der Hauptverkehrsachse läuft schneller als durch die winkligen und meist verstopften Gassen der Unterstadt. Tempo zahlt sich ohnehin. Die Lieferwagen transportieren zwar mehr Ware, aber auf längeren Umwegen, und blockieren beim Umlad den Verkehr. Die zwei Transporteure bewegen sich dicht hintereinander durch den Schnellverkehr. Ihr Schnelllauf über die Hauptstrasse ist wahrscheinlich verboten, aber die Strecke ist kurz. Im Wettlauf mit zahllosen Konkurrenten beliefern sie wohl zu einem niedrigen Taglohn einen Auftraggeber im geschäftigen Textilmarkt von Laleli. Um das Moscheegelände im Hintergrund schwingt sich ein zweispuriger Zubringer der Ordu Caddesi unweit des grossen Strassenkreuzes von Aksaray. Ueber dem Brückenbogen wirbt eine gigantische Pet-Flasche für ein Produkt.



   

Disproportion zwischen Dienstleistung und Industrie und daraus resultierende soziale Verzerrungen.

Die natürliche Bevölkerungszunahme und die seit den 60-iger-Jahren überproportional wachsende Zuwanderung erzeugten einen Druck, welcher die Infrastruktur der westtürkischen Metropolen einer Grenzbelastung aussetzte. Während sie, ihren organisch gewachsenen Umfang sprengend, in die unerschlossenen Räume ihrer heutigen Peripherie hinauswucherten, implodierte zunächst die bestehende Wohn- und Verkehrs-Struktur ihrer Zentren. Besonders dramatisch verlief der Prozess in Istanbul, wo der Kollaps nur durch gigantische städtebauliche Anstrengung, kombiniert mit gewagter Improvisation und einer durch die islamische Sozialethik gut begründbaren Zulassung aufgefangen werden konnte. Altquartiere der Innenstadt wurden partiell abgerissen oder ausgehöhlt, um durch Verdichtung neuen Raum für Wohnungen, Gewerbe, Verwaltung und Verkehrsachsen zu schaffen.

Ende der 90-iger-Jahre umfasste das Einkommen in der Form von Kapital- und Rentenerträgen in der Türkei etwa die Hälfte des Bruttosozialprodukts. Von Einkommen auf Rentenbasis lebte allerdings nur eine schmale Minderheit von 15, 6 % der Bevölkerung. Die Mehrheit von nicht weniger als 80 % musste sich mit 45 % des durch Lohnarbeit generierten Volkseinkommens begnügen. Gut ein Fünftel dieser Bevölkerungsmehrheit erarbeitete bescheidene 4,9% des Gesamteinkommens und lebte somit an und unter einer ohnehin tief angesetzten Armutsgrenze. In den Städten, wo sich die Armut durch die Masse der mittel- und bildungslosen Zuwanderer konzentriert, lebt eine besonders hohe Zahl an Bewohnern unterbeschäftigt von marginalen Dienstleistungen auf tiefstem Lohnniveau. Frauen- und Kinderarbeit ist für Familien in dieser sozial prekären Lage selbstverständlich. Im Billiglohnbereich ist der Dienstleistungssektor vorwiegend in der Form unkontrollierter Schattenwirtschaft organisiert. Daher gibt es gegen die Ausnützung der Arbeitskräfte praktisch keinen Schutz.

In den letzten Jahrzehnten öffnete sich die Einkommensschere in der Türkei umso stärker, als die Inflation einen beträchtlichen Teil der Kaufkraft vernichtete. Der überwiegende Teil der Bevölkerung erwirtschaftet für einen Wachstumsmarkt eine zu geringe Kaufkraft. Der Grad der Unterbeschäftigung ist, wenn man die vor allem auf dem Land verdeckte Arbeitslosigkeit hinzu rechnet, sehr hoch. Da die Landwirtschaft wegen der fortschreitender Güterteilung für die rasch wachsende Bevölkerung keine ausreichende Existenzgrundlage mehr bot und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten in der Provinz fehlten, wuchs die Attraktivität der Städte ununterbrochen. Die Einwohnerzahl von Istanbul hat sich seit den Sechzigerjahren auf heute annähernd 15 Millionen mehr als verzehnfacht. In der Periode nach 1980 - verstärkt noch seit dem Beginn des Kriegs in der Osttürkei - nahm der Wachstumsschub der Städte exponentiell zu, während der Anteil der Landbevölkerung trotz natürlicher Vermehrung kontinuierlich schwand. Heute leben gegen zwei Drittel der Gesamtbevölkerung in städtischen Zentren.

Da das industrielle Wachstum der Türkei hinter dem Ausmass der Urbanisierung weit zurückblieb, musste der Dienstleistungssektor den starken Zuwachs in den Städten auffangen. Die Tertiärwirtschaft wuchs daher seit den Sechzigerjahren überproportional stark und bietet heute in den Zentren für unqualifizierte Arbeitskräfte zwar vielseitige, aber insgesamt wenig produktive Beschäftigungsmöglichkeiten. 

Istanbul generiert 1/5 des türkischen Bruttosozialprodukts. Wohl erlebt die Grossproduktion im Industriegürtel gegenwärtig einen starken Investitions- und Modernisierungsschub. Da sie aber zunehmend auf Automation setzt, ist ihr Angebot an Arbeitsplätzen bei hoher Produktivität hauptsächlich auf ausgebildete Fachkräfte begrenzt. Moderne Dienstleistungsbetriebe etablierten sich in den Zentren der Stadt auf der europäischen und asiatischen Seite im Umkreis der Häfen und der Verkehrsknoten sowie entlang der grossen Ausfallstrassen. In den alten Stadtteilen um die Häfen und Basare sind die traditionellen handwerklichen Produktionsbetriebe sowie das herkömmliche kleine und mittlere Dienstleistungsgewerbe auf engstem Raum konzentriert und durch ein dichtes Netz von Beziehungen untereinander verklammert. Diese Form der Wirtschaft bietet Beschäftigungsmöglichkeiten für ausgebildete und angelernte Facharbeiter sowie für nichtqualifizierte Arbeitsuchende auf teilweise sehr niedrigem Einkommensniveau.


Jobs im marginalen Dienstleistungssektor




Fahrende Händler und kleine Geschäfte auf dem alternativen Markt um das Strassenkreuz von Istanbul/Aksaray

In Aksaray, einem Viertel des Stadtteils Fatih, kreuzen sich die zentralen Verkehrsstränge, welche einerseits die europäische Türkei mit der historischen Altstadt und andererseits den Marmara-Hafen Yenikapi über das Goldene Horn mit Beyoglu verbinden. Zur Bewältigung des wachsenden Verkehrs wurde eine Bresche in die Altstadt gehauen. In dem der historischen Substanz abgerungenen Raum sind die Westachsen und deren Fortsetzung nach Sultanahmet, die Ordu Caddesi, mit der Nord-Südachse der Landzunge, dem Atatürk Bulvari, durch ein gigantisches Strassenkreuz ineinander verschlauft. Unter den Pfeilern und geschwungenen Beton-Brücken, entlang den Gehsteigen auf den verschiedenen Etagen und in allen möglichen Nischen haben sich kleine Ladengeschäfte, Kioske und Imbissstände etabliert, besetzen fahrende Verkäufer ihre Standplätze und eilen Passanten über die Gehsteige und Treppen zwischen, über und unter den Verkehrssträngen von einem Stadtteil zum andern.

Ein mobiler Klapptisch-Verkäufer - wahrscheinlich ohne Lizenz - hat sich über dem Treppenabsatz der Passage an einer geeigneten Kreuzung der Fussverkehrsströme aufgestellt. Handkarren-Verkäufer haben ihre Standplätze an den Geländern des Gehsteigs oder in den Treppennischen besetzt. Ganz zuunterst, in den Gassen zwischen den mächtigen Verankerungen der Mustafa Kemal Strassenbrücke, hat sich eine Basar-„Unterwelt“ ausgebreitet. Im Milieu der Brückenpassagen regieren Geschäftstalent und bunte Improvisation. Strassenhandel, Kioske, Lokale für Dienstleistungen jeder Art, Imbissbuffets und Krämerbuden wetteifern um Passanten.

Auch die arrivierteren Geschäfte wie der Erkek-Kuaförü - der Herren-Coiffeursalon -, der Elektronik-Händler oder der Laden für Konfektionsanzüge profitieren auf diesem Markt von Kunden mit kleinerem Budget. In einer Nische zwischen zwei Trägern hat eine Kioskbox ihren „festen“ Standort gesichert. In einer andern Nische unter den vernieteten Metallplatten der Brückenverschalung hat eine „seminomadische Lokantasi“ einen Abstellplatz für ihr fahrendes Betriebsgut eingerichtet: Kühltruhe, Grill, Abfalleimer und Aushängetafel mit Angebot machen hier wohlgeordnet Arbeitspause. Nur eine Katze sucht zwischen dem Inventar nach Speiseresten.

In dem Gewirr von Passagen, Etagen und Gassen entfaltet sich ein mehr oder weniger regulärer, mehr oder weniger kontrollierbarer Markt. Die Grenzen zwischen Legalität und Grauzone sind fliessend. Das Gewerbe auf den Etagen und unter den dröhnenden Pfeilern des Strassenkreuzes von Aksaray sowie in den verzweigten Gassen des Geschäftsviertels im Umkreis, vor allem im Hafenviertel Yenikapi unweit des Bosporus, wo auch die Prostitution blüht, hat seine eigenen Regeln und ist kennzeichnend für die Entwicklung der Tertiärwirtschaft in der Enge der Verhältnisse.

An einer grauen Wand im Schatten einer Ueberführung verweisen grosse Lettern auf den „AKSARAY YERALTI CARSISI“, „Istanbul and Balkans first and largest underground bazaar“. US-Top-Label, Pierre Cardin Mens Wear, Begenils Womans Wear, Cosmetics, Silver-Accessory and Café-Patisserie underground? Die Institution feiert (2008) gerade ihr 35-igstes Jubiläum: Die ebenso wahrhaft unterirdische wie sterile Shoppingmeile, wurde 1973 im Zusammenhang mit der METRO-Endstation eröffnet.

Die METRO, die erste Istanbuls, verbindet heute Istanbul/Aksaray unter der Byzantinischen Mauer hindurch mit dem Atatürk-Airport und der Welt, und zwar in 35 Minuten Fahrt. Nicht mehr gerade schnell, denn die Taxis auf der Kennedy Avenue - vorausgesetzt der Stau der Stosszeit klebt sie nicht auf die Strecke - sind schneller. Der „largest bazaar“ an der METRO und sein „board of directors“, in welchem sich die Storeowner - wohl nicht im Stil der alten Bazargilden, sondern eines kollektiven Managements - zusammengeschlossen haben, geniesst die Anerkennung durch die Autorität des Grossen Stadtrats von Istanbul-City. Ein solches Ansehen werden die kleinen Ladenbesitzer und halbfahrenden Krämer des wahrhaften Untergrundmarkts um den grossen Stadtpolypen von Aksaray kaum für sich beanspruchen können. 





Strassenhandel im Verkehrskarussell

Die Träger der Brücken dröhnen unter dem stossweise heranrasenden Verkehr auf dem Atatürk-Bulvari. Die Schwellen schlagen im Takt unter den Reifen und wenn ein Container-Laster sein 40-Tonnen-Gewicht in den Schwung einer Ausfahrt wirft, quietschen die Schrammborde. Am Abend herrscht Stossverkehr.

Die passierenden Fussgänger auf der Strassenbrücke haben ihre Tagesleistung absolviert und ihren langweiligen Büroetagen den Rücken gekehrt. Sie sind in zielgerichteter Eile, weil sie noch einen umständlichen Heimweg vor sich haben. Daher sind sie nicht so kauflustig wie die Bummler auf der Istiklal-Caddesi und dem Quai von Eminönü oder rund um die Yeni Camii und den Aegyptischen Markt. Schon die hektisch-lärmige Umgebung am Strassenkreuz reizt sie nicht zum Geldausgeben.

Doch en passant erinnert sich der eine oder andere Heimkehrer beim Blick auf die Karrenauslage an die Mühsal, dass seine Socken an der Ferse durchgescheuert sind und die Frau sie ein drittes  Mal nicht stopfen wird. Das ist der Moment, wo er zögert und kurz in den schön sortierten Textilien nach der gesuchten Grösse und Farbe herumwühlt. Vom Karrenkrämer kriegt er Socken billiger als im Supermarkt und erst noch auf der Strecke. Zudem als Einzelpaar, nicht in der Dreierpackung.

Solcher Art ist die Chance des Mannes hinter dem Wagen. Als sich in der späteren Nachmittagshitze der Verkehr um seinen Kopf zu drehen begann und er sich zurücklehnte, schnitt sich die rostige Geländerkante unter seinen Schulterblättern ein. Doch jetzt sind seine schläfrigen Augen wieder alert und sein Rücken ist durchgestreckt. Er sortiert die Auslage, denn er muss etwas tun, sei es auch nur, um seine Selbstkontrolle zu trainieren. Manchmal tut er auch so, als wolle er sich - zum wievielten Mal? - den Ueberblick über Ware und Preise verschaffen, obwohl es nicht viel zu überblicken gibt.

Die Anordnung der Auslage ist allerdings wichtig. Der Ordnung liebende Kunde, der rasch einen Artikel herausfischen will, hat zwar keine Zeit und deshalb wird er sein Sortiment wieder durcheinander wühlen. Doch er weiss auch: der Mann mit dem Schubkarren führt Qualität. Und die Ordnung versichert ihn, dass er sich in der Annahme nicht täuscht. Vielleicht kauft er zu dem Paar Socken in einem Anflug von Grossmut gleich noch eines der weichen, zum Angreifen präsentierten Flanell-Unterhemden dazu. Der Umsatz ist zur Zeit berechenbar, denn der Verbrauch an Unterwäsche nimmt bei der stickigen Marmarahitze regelmässig zu. 

Der Mann aus der Osttürkei hat seinen Standplatz mitten in dem komplizierten System von kreuzweise und diagonal angelegten Ueber- und Unterführungen. Seinen mit Unterwäsche, Socken und T-Shirts beladenen Schubkarren hat er vor einer Ampel an der Ecke einer Ausfahrt der doppelspurigen Unterführung geparkt. Am parallelen Gehsteig vor ihm steht ans Geländer gelehnt ein Nachbar hinter seinem Wagen und präsentiert haargenau dieselbe Auslage. Der junge Händler stützt die Ellbogen auf eine Leiste und das Kinn auf eine Hand und entlastet so halb hängend seine schwerer werdenden Beine. Auf dem Stirnbrett seiner selbstgezimmerten Wagens hat er den Namen seines Heimat-Distrikts in der südost-anatolischen Provinz Kahramanmaras aufgemalt: „Elbistan“. Vielleicht ist er das Stichwort zum Migrationsschicksal mancher seiner Angehörigen und Kollegen.



Elbistande, aus Elbistan kommt er. Schlimme Unruhen und Pogrome rechtsradikaler Mitglieder der MHP auf die alewitischen Viertel der Provinz-Hauptstadt, bei welchen mehrere hundert Bewohner getötet wurden, lösten Ende der Siebzigerjahre eine Auswanderungswelle aus. Viele Familien aus Kahramanmaras und Elbistan, vor allem kurdische Alewiten, suchten damals und nach dem Militärputsch von 1980 als Gastarbeiter und Verfolgte Aufnahme in europäischen Ländern oder liessen sich als Migranten in Istanbul und anderen Städten der Westtürkei nieder. Auch aus Malatya, wo sie vom Schicksal der Ausgrenzung und Verfolgung besonders betroffen waren, wanderten viele Alewiten aus.

Die Alewiten, vorwiegend die jungen Migranten in den Grossstädten, neigten damals zu radikal-sozialistischen Gesellschaftstheorien. Der Alewismus hat eine spekulative Affinität zu atheistischen Anschauungen. Junge Anhänger konnten den Brückenschlag zum Marxismus auf dem Hintergrund ihrer Minderheitserfahrung in der sunnitischen Umgebung leicht rechtfertigen. Der Radikalismus mässigte sich zwar vor allem seit der globalen Wende und der Regierungszeit Turgut Oezals; dennoch hielten die Alewiten eine Vorrangstellung innerhalb linksradikaler Organisationen wie der revolutionären Volksbefreiungspartei DHKP-C.   

Die Textilienverkäufer in Istanbul und ihre Kollegen sind organisiert. Die Zwischenhändler ihrer Fabrikanten beliefern sie mit guter Ware. In Kahramanmarash hatte die Industrialisierung, insbesondere die Textilindustrie, während der Aera Oezals einen starken Aufschwung erlebt. Es ist denkbar, dass diese Strassenverkäufer Ware aus ihrer Heimatprovinz beziehen. Im Lärm und Gestank der PWs und Busse machen die Kleinhändler - ohne ausrufen zu müssen - kein schlechtes Tagesschäft, denn viele Menschen drängen während der Stosszeiten mittags und abends dicht an ihrer Auslage vorüber. Der selbstgezimmerte Karren ist fast schon das Statussymbol eines halbwegs etablierten Krämers. Standplatz und Wagen müssen eine Familie ernähren. Bei der herrschenden Konkurrenz sind die Margen insgesamt gering. Sie reichen wohl gerade, wenn man wie diese Händler in Aksaray über „günstige“ Standplätze verfügt. 

Der Handel in Aksaray und im angrenzenden „Textilmekka“ von Laleli, wo auch Geschäftsleute aus Osteuropa den Wettbewerb „beleben“, ist für die Beschäftigten auf allen „Etagen“ eine tägliche Ueberlebensübung. Im „fahrenden“ Handel gibt es allerdings besonders markante Rangunterschiede. Ein Händler hat sich in einer russschwarzen Nische über dem Widerlager einer Brücke des Strassenkreuzes auf einen Absatz gesetzt und überwacht das Brückengeländer, wo er seine Hemdenauslage an Bügeln aufgehängt hat. Auf dem Gehsteig daneben hat er die Kunstledertasche abgestellt. In ihr transportiert er seine Ware. Vermutlich ist der Mann ein Textilienhändler ohne provisorische Lizenz, gezwungen, seinen Standplatz ständig zu verlegen. Die Klappgestell-Händler auf dem Treppenabsatz, welche assortierten Kleinkram oder Speisemuscheln mit Zitronensaft anbieten, machen wohl einen bessern Umsatz als er, auch wenn die Einnahmen auf der Hand abzuzählen sind. Der Muschelhändler mit der sauberweissen Schürze, der beim Nachbarn gerade Münzen wechseln will, macht sein kleines Geschäft an Feierabend. Zur Stosszeit am Abend tauchen sie auf, die Muschelhändler. Der adrette Mann mit Schürze und Handtuch hat sicher wie zahlreiche Kleinhändler, noch einen anderen Job; vielleicht arbeitet er schichtweise sogar in einem der Fischrestaurants am Quai von Aksaray, während seine jüngeren Brüder am Bosporus nach Muscheln tauchen. 





Der Strassenhandel ist gesetzlich kaum geregelt. Die Verwaltungen einzelner Stadtbezirke Istanbuls verfolgen den Weg einer praktischen Regelung. Sie versuchen die Situation   so gut wie möglich unter Kontrolle zu bringen, indem sie den Strassenhändlern zum Beispiel gewisse Reviere in der Nähe bestehender Märkte zuweisen. Dort können sie eine provisorische Lizenz erwerben, welche sie berechtigt Standplätze zu beziehen. Doch die Konkurrenz ist gross. Viele Strassenhändler nutzen das Angebot nicht, sondern weichen auf ihre traditionellen Reviere aus. Sie nehmen Konflikte mit den Ladenbesitzern und der Polizei in Kauf, wenn sie dort "die Gehwege blockieren" (Polizeiauskunft), möglicherweise den Transportverkehr behindern oder die  Passanten, die Kundschaft der etablierten Händler, belästigen. Die Polizei schreitet wohl in der Regel ein, wenn lokale Geschäftsleute sich beklagen und nach "Massnahmen" rufen. Und die Kriminalpolizei wird selbstverständlich in Fällen aktiv, wo Strassenhändler in den Verdacht auf Drogenhandel oder illegale Geschäfte anderer Art geraten. Sie führt gelegentlich auch Razzien durch.

Die Strassenhändler betreiben ihr Gewerbe also im Prinzip ausserhalb der ihnen zugewiesenen Reviere ohne Lizenz, das heisst illegal, aber im Rahmen einer traditionellen Zulassung, welche dem "Wohnrecht" der Gecekondu-Siedler vergleichbar ist. Nun ergibt die aus amtlicher Nachprüfung resultierende Statistik, dass   a.) nicht weniger als 91 % der Befragten sich feste Standplätze wünschen und   b.)  59 % ihre Probleme mit der Stadtverwaltung "mittels Geld" regeln. Die Strassenhändler nehmen demnach in Kauf, eine Polizeibusse zu zahlen, wenn sie wegen einem illegal bezogenen Standplatz in einen Konflikt geraten, und verhindern auf diese Weise, dass die Stadtverwaltung ihre Ware beschlagnahmt. Oder sie stellen einen Antrag, um sich die Duldung ihres Standplatzes und Gewerbes durch die Polizei bzw. die Stadtverwaltung zu „erkaufen“, indem sie gegen einen Geldbetrag so etwas wie eine provisorische "Lizenz" erwerben. In einigen Fällen tun das jeweils "Vermittler" für sie. Das sind wohl hauptsächlich Auftraggeber, die ein Interesse an dem Gewerbe haben, also etwa Zwischenhändler, Produzenten, vielleicht auch Clan- oder Stammesführer von Saisonmigranten. Manche Händler regeln die Sache gemäss der Umfrage auch "mit andern Methoden" selbst. Es ist davon auszugehen, dass sie etwa Laden- oder Restaurantbesitzer bestechen, um sich gegen Klagen abzusichern. Die mangelhafte Regelung öffnet natürlich der Korruption Tür und Tor. 



 

Reality-TV

Der Markt unter den Fangarmen des Verkehrsmonsters ist durch ein Gewirr von Gehsteigen und Treppen verbunden und verzweigt sich in alle Gehrichtungen, besonders zum Bosporus hin und in die Seitengassen des Hafenviertels. Ein vibrierender Markt der fliegenden Brezel- und Muschelkrämer, der Handwagenhändler und Nischenkioske, der Billigbuden für Konfektion, Schuhe, Parfums, Schmuck, Uhren, Handys, Elektronik, jeder Art und Herkunft; ein schmuddelig-billiger Markt von Imbiss-Lokantas für Kebab und gebratenen oder gebackenen Fisch aus dem Bosporus und dem Brackwasser des Goldenen Horns. Ein Viertel der Ein- und Kein-Stern-Hotels, deren Inhaber oft die Zuhälter der ärmsten Migrantinnen sind, jener Ausgestossenen, welche unter der schlüpfrig-barmherzigen Obhut gegen Miete die schäbigsten Zimmer bewohnen dürfen. Dieser Markt lebt von informellen Kontakten von Mund zu Mund, Hand zu Hand, über Handys und Internet, schiebt, organisiert, vermittelt auch alles an illegalen Insider-Informationen und Produkten, die sich zu Geld machen lassen, von Markenimitationen, Sex und Drogen bis zu Waffen. 

Ein junger gelenkiger Mann reicht über die brüchige Mauer eines Treppenabsatzes hinweg ein Flugblatt weiter. Ein Arm streckt sich aus dem Schatten einer Nische entgegen, eine Hand ergreift das Papier. Plastikabfall glimmert im Gegenlicht der Abendsonne auf den staubigen Gehsteigfliesen. Ein Schattentheater des Informationsaustauschs.

Schatteninformation? Das weisse Flugblatt ist durchscheinig, vom grellen Feierabendlicht durchleuchtet lesbar. Der es gerade liest, ist der kleine Textilien-Taschenhändler im russschwarzen Winkel über dem Widerlager der Brücke. Die drei Wörter Gercek DEV und Ekran stehen am Kopf des Blatts übereinander. Gercek: wahr, wirklich, echt. DEV: riesengross, Riese, Gigant. Ekran: Bildschirm oder Filmleinwand (französischer Wortimport). Zusammengefügt kündigen die drei Wörter eine Vorführung an: der echte Riesen-Bildschirm ist da, eine Monitor-Einheit im Mega-Ausmass von 8 auf 2 Metern, wie die Zahlen darunter auftrumpfen. Wo ist die Attraktion zu erleben? In der SOEHRET-PASTANE - der Confiserie Prestige? Strassenwerbung einer Pastane am Atatürk Bulvari, fast um die nächsten Ecke von da. Die übergross in fetten Lettern auf dem Kopfteil platzierte Vokabel sticht isoliert in die Augen. Unverbunden gewährt sie Spielraum für Assoziationen. Harmlose Strassenwerbung? Die pantomimische Szene stellt zumindest symbolisch dar, wie moderne Kommunikations-Technologie und das Milieu des Strassenhandels aufeinandertreffen.


"Groundfloor": Billigmarkt zwischen den Verankerungen der Brücken...






... und der Eingang zum Gassengewirr von Nisanca






Nomadentum der Grossstadt  (Impressionen)


Zugehörigkeit in der Fremde  

An der Bushaltestelle unter den Strassenbrücken von Aksaray sitzen kurz vor Sonnenuntergang zwei Junge auf der Strassenmauer. Zwei Männer gehen nach einem Platzregen eingehakt über den Gehsteig. Das Einhaken und Arm-in-Armgehen der Männer ist in der Türkei, vor allem im Osten, ein Zeichen besonderer Affektion und Zugehörigkeit: Man gehört zum gleichen Stamm oder Clan, man hat ein gemeinsames Geschäft abgeschlossen oder ist in einer schwierigen Sache einig geworden. Die beiden Jungen auf der Mauer verbindet wohl - über tausend Kilometer von zu Hause - das gemeinsame harte Schicksal der Saisonmigranten.




Die jungen Saisonmigranten aus der Osttürkei

Viele der Schuhputzer in Istanbul-Beyoglu stammen aus der einkommensschwachen Provinz Agri in Ostanatolien. Sie ziehen saisonweise in die 15-Millionenstadt am Bosporus, oft zusammen mit älteren Brüdern, welche in der Bauwirtschaft oder auf dem Bazar  Arbeit suchen. Ihre Familien leben 1700 Kilometer Busfahrt von Istanbul entfernt in einem der abgelegenen Gebirgsdörfer.   

Die Knaben im durchschnittlichen Alter von 8 bis 14 Jahren arbeiten während etwa sechs Monaten des Jahrs in Istanbul. Sie wohnen in der Regel in Gruppen mit anderen Saisonniers der gleichen Region in billigen Schlafräumen unter dem Dach eines alten Mietblocks, zum Beispiel in den steilen Gassen unterhalb des Tarlabasi-Boulvards. Die Jüngsten verkaufen als Einsteiger in das Gewerbe Taschentücher oder Süssigkeiten. Im Winter stehen die Jungen oft schlecht gekleidet und mit zerschlissenen Schuhen im Matsch und der bissig-feuchten Bosporuskälte herum. Die Konkurrenz ist gross. Der Tagesgewinn von (umgerechnet) drei bis fünf Dollars hilft den Jungen in Istanbul meist gerade zum Ueberleben, zur Bezahlung der Miete und der Unkosten für die Reise.

Die Armut verschuldet, dass viele Jugendliche aus den ostanatolischen Dörfern den Schulunterricht vorzeitig abbrechen oder die Schule gar nicht von innen kennenlernen. Der Anteil der Analphabeten ist in Ostanatolien nach wie vor hoch und der Anspruch auf Chancengleichheit nicht erfüllt. Wenn die Polizisten die Jungen aus der Istiklal-Caddesi, der modernen Geschäfts- und Flaniermeile von Beyoglu, mit Gummiknüttelhieben vertreiben und den Schuhputzern ihre Kästen zertrümmern, dann begründen sie den Akt als Erziehungsmassnahme: Die Jungen sollen zuhause die Dorfschule besuchen, das sei schliesslich Gesetz, statt sich in Istanbul herumzutreiben. Dass die Not der kinderreichen Familien sie so weit von ihrer Heimat forttreibt, nimmt die Stadtverwaltung offenbar nicht zur Kenntnis.

Die Jungen sind auf sich selbst und ausserdem hauptsächlich auf die Zuwendung kurdischer Migranten im Westen angewiesen. Sie haben in der Regel Gelegenheit in einem von Kurden geführten Restaurant günstig einmal am Tag warm zu essen. So entlasten sie das Budget ihrer Eltern und nähren zuhause die Hoffnung, dass sie die Chance nutzen und auf das Riesenrad der halsbrecherischen Verdienstkonkurrenz aufspringen. Noch kehren sie alle paar Monate mit ihrem Bündel und etwas Zustupf zu Eltern und Geschwistern zurück. Falls sie später einst in der Westtürkei Fuss fassen, lässt sich der Nachzug der Familie organisieren. 






Die flinken Schuhputzer mit ihren selbstgezimmerten Kisten 

Wenn die Bauernsöhne aus der Provinz Agri an der teuren Flaniermeile von Beyoglu einen Kunden geangelt haben, führen sie ihn gerne um die Ecke einer Seitengasse, um sich den Augen der Ordnungshüter zu entziehen. Falls sich der Kunde nicht überreden lässt, klappen sie den Hocker auf und legen auf der Stelle im Eiltempo los. Der Schuhputzer im bescheideneren Fatih hat sich Auftragsarbeit geholt und schwingt auf einem Schemel die Glanzbürste, während zwei Strassenhändler die Last ihrer Standkarren auf dem Kopfsteinpflaster vorüberschieben: mit Farnzweigen geschmückte Wassermelonen und frische Aprikosen (nicht mehlig und sauer, sondern saftig und süss!).




Brezel-Wagen auf einem verschneiten Platz in Beyoglu/Istanbul 

Es ist ein früher Winterabend. Der fahrende Verkäufer sucht in der Eingangsnische eines Geschäfts Schutz vor der beissenden Kälte. Ein Hund überquert den Platz und verschwindet im Schatten.



Fliegender Salzbrezel-Verkäufer vor einer Moschee

In den Moscheevierteln Istanbuls oder etwa der alten Hauptstadt Bursa sind Touristen und Pilger seine Kundschaft. Der Brezel-Verkauf ist gut organisiert und an guten Tagen der Reisesaison schon ein recht einträgliches Gewerbe. Der flinke Mann mit dem Tablett und dem Holzständer, der über seiner Schulter hängt, wenn er gerade seinen Standort wechselt oder sich Nachschub von der Bäckerei holt, hat einen guten Job. Er rangiert zweifellos höher  als der des kleinen Schuhputzers. Unter den Schuhputzern gibt es allerdings eingesessene Könige mit reservierten Standplätzen, an denen sie ihre Truhen mit glänzenden Messingknaufen aufstellen und sich von keinem Konkurrenten vertreiben lassen.



Gassenkellner

Der Austräger einer Imbissbude im „Genueserviertel“ eilt leichtfüssig über die baufällige Treppe hoch. Schwerbepackte Träger schleppen Ballen treppab zu den Textil- oder Elektrogeschäften in der unterliegenden Strasse. Unweit dieser Stelle steht die Synagoge, welche Ende 2003 während eines Gottesdiensts Ziel eines verheerenden Bomben-Selbstmordattentats wurde. - Während er aus der Modebutique eines Kunden zur Strasse hochsteigt, merkt sich der Austräger einer Teebude in Laleli die Anzahl der Bestellungen, indem er sie an den Fingern abzählt.







Eisverkäufer vor der Plakatwand eines Herren-Modegeschäfts in Laleli 

In den höhergelegenen Querstrassen von Laleli  - in der Nachbarschaft des Touristenmekkas Sultanahmed - reihen sich Modegeschäfte und Restaurants zwischen Hotels mittelmässiger und besserer Kategorie. Abwärts gegen den Bosporus werden die Restaurants schmuddeliger, das Hotelangebot ist billig bis mies. Kleine Dienstleistungsbetriebe, Geldwechselgeschäfte, Handwerksbuden und der fluktuierende Strassenmarkt haben sich dort unten im Kreuz der Verkehrsachsen und in den winkligen Seitengassen entfaltet.





Zwei kurdische Brüder in ihrer Tee- und Telefonkabüse, Istanbul-Laleli

Die Migranten aus der Osttürkei hoffen im betriebsamen Laleli über kleine Dienstleistungsangebote ins Geschäft zu kommen. Sie haben wohl als Schuhputzer und Kundenschlepper ganz unten angefangen. Trotz dem modisch karierten Gilet des Aeltern und ihrer recht gepflegten Erscheinung sieht man den beiden gastfreundlichen Männern ihre Herkunft aus der dörflichen Welt an. Sie vermieten in einem bloss von einer einzigen schwachen Glühbirne beleuchteten Parterrezimmer ein Telefon. Der altertümliche Apparat steht auf einem Holztisch. Vielleicht rechnen sie damit, einmal zwei oder drei Sperrholzkabinen und einen zentralen Zähler einzubauen. Viele Saisonmigranten aus dem Osten benützen die privat angebotenen günstigen Verbindungen zum Kontakt mit ihren Angehörigen. In einem Samowar kochen die Brüder Tee für den Ausschank über die Strasse. Ob ihre Rechnung angesichts des Preiskampfs und der technologischen Entwicklung der Telekommunikation in den zehn Jahren seit dieser Aufnahme aufging? Sie waren sicher damals zusammen flexibel genug und auch finanziell darauf angewiesen, gleichzeitig in anderen Erwerbsbereichen Fuss zu fassen.






Der Bauchkastenhändler

An dem Gehänge in seiner Rechten und auf dem Holztablett trägt der alte Bauchkasten-Händler sein kümmerliches Angebot an Gebetsketten, Kürbiskernen und Pistazien von einem Standplatz zum anderen an Fashion-Shops vorbei, deren Verkäufer auf Schemeln im Schatten der Bäume am Gehsteig sitzen. 





 
Modemarkt und Verkaufspersonal in Laleli und Cagaloglu

Ein junger Verkäufer hat sich vor dem Fashion-Shop in Laleli für das Porträt einer Modepuppe zur Seite gestellt. Kumpelhaft-lässig liegt seine linke Hand auf ihrer nackten Schulter. Auf dem Trottoir vor dem Aufgang zum Parterre und an den erleuchteten Schaufenstern des ersten Stockwerks sind attraktive Schaupuppen in flotter Reihe platziert. Sie präsentieren Jeans kombiniert mit Envogue-Blusen und Abendkleider aus schillernden Kunststoffen, ihre Posen und Frisuren sind dem Laufsteg westlicher Salons und Modezeitschriften abgeguckt. Die Geschäftsstrassen im Hotelquartier sind eine erotisierende Puppenparade. Interessante Kreationen stammen aus renommierten türkischen Designer-Ateliers; die einschlägigen und teuren davon sucht man wohl nicht in Laleli, sondern an der mondänen Istiklal Caddesi jenseits des Goldenen Horns.



Die Shops sind bis spätnachts geöffnet. Ein Kollege gegenüber sitzt offensichtlich ermüdet und gelangweilt vor einem Mauerposter. Eine kahle Puppe im glanzledernen Mantel steht an der Gehsteigkante schräg vor ihm. Die jungen Männer sind nicht die Inhaber, sondern bloss schlecht bezahlte Aufwärter, häufig Migranten.




Zwei im Textilhandel von Laleli Beschäftigte haben sich am frühen Morgen noch vor dem grossen Stress auf zwei mit Damenkleidern vollgestopfte Sendungen der Firma „Elegant“ gesetzt. Im Hintergrund zieht ein Spediteur drei schwere Packungen auf seinem Handwagen die Strasse aufwärts. Die Transporteure entladen die bestellte Ware. Am Morgen sind die Strassen Lalelis von Lieferwagen verstopft, über die Gehsteige werden Ballen, Packen und Kisten geschoben, in den Läden die Gestelle aufgefüllt, die Bügel behängt, Puppen neu drapiert.  Die Verkäufer haben ihre Posten bezogen, während die ersten Kunden auf dem Morgenbummel vorbeiziehen. 






Lockerer sind Dress und Umgang in Laleli; traditioneller, vorschriftsgemäss und steifer die textile Ausstattung und Auslage drüben in Cagaloglu. Auch das Verkaufsgebaren der Händler im Umkreis des Gedeckten Bazars und der engen Verhältnisse der Altstadt bis hinunter zur Yeni Cami ist traditionsbestimmt. Der Ausrufer und die agilen Kundenschlepper positionieren sich vor den Ladeneingängen und günstigen Ecken der Gasse oder mischen sich ins Gedränge. Sie locken mit Rufen, heften sich unnachgiebig an die Fersen potentieller Kunden oder veranstalten, wenn die Stimmung flau ist, ein Spektakel. Währen der Verkäufer einen Passanten oder eine Passantin direkt anspricht und rhetorisch den Zeigefinger vorstreckt („Gerade jetzt ist der Preis doppelt günstig!“) hat sich ein Gehilfe - sicher nicht der Hitze halber - wie ein Kamelführer ein Damenkopftuch umgebunden. Zwischen den Fingern seiner Rechten steckt die Zigarette, die Linke spielt lässig mit einem Apfel wie mit einem Spielball oder einer Gebetskette. Und auf dem marmornen Sims des Schaufensters hockt aufmerksam der junge Kundenschlepper. Auf der Strasse, vor dem Kiosk oder Laden, im offenen und geschlossenen Bazar oder im Geschäftsviertel beginnt die Karriere, findet der junge Zuwanderer seine erste Anstellung für ein Trinkgeld, auf das er schon stolz ist.









Küchengehilfen in einem gut organisierten Speise-Restaurant

Viele rentable Restaurants, Hotels und Geschäfte sind Kapitalanlage und zugleich „Stützpunkte“ für wirtschaftliche Aktivitäten anatolischer Clans und ihrer Klientel in den Grosstädten. 







Szenen im Hafenviertel von Istanbul-Galata

Ein Pferdefuhrwerk überquert, Personen- und Lastwagen kreuzend, die Tersane Caddesi im Genueserviertel. In engen Gassen und baufälligen Höfen unterhalb der Verbindungsstrasse werkeln Alteisen-Verwerter, zerlegen Schmiede mit Schneidbrennern alte Kabel und Schiffsketten und bieten Kleinhändler Ersatzteile an. Im Winter ist das Klima am Goldenen Horn feuchtkalt. Die Feuchtigkeit frisst sich in die zerfallenden Mauern. Ein Handorgelspieler singt in den Höfen und klopft von Bude zu Bude um einen kleinen Almosen an. 








Manufaktur und Gelegenheitsarbeit in Werk- und Hinterhöfen 

Der Junge schleppt als Aushilfskraft eines Kleinbetriebs den mit leeren Schachteln gefüllten Eimer zur Abfallstelle. Unter der Treppe sitzt ein Mann hinter einem einfachen Webrahmen und knüpft einen Teppich. Kleinmanufaktur in einem Altstadtviertel Istanbul-Fatihs. Im dörflichen Anatolien ist das Teppichknüpfen Frauenarbeit. Am Migrationsziel, in der Stadt, üben unter gewissen Bedingungen auch Männer das Gewerbe aus. Mangel an anderen Arbeitsangeboten und Gelegenheit zu einem Zusatzverdienst für den Lebensunterhalt sind Motive für Veränderungen in der geschlechterspezifischen Arbeitstradition. „Göp“ bedeutet Abfall. Wo es Speiseresten und Innereien gibt, treiben sich die Katzen in Rudeln herum. Der Knabe ist für ein Trinkgeld im Hinterhofgewerbe beschäftigt. Er schaut wohl täglich herum, wo es im Quartier Gelegenheitsarbeit gibt.  





In den Handwerkshöfen des Gedeckten Bazars gibt es für Hilfsarbeiter und Zuträger Beschäf-tigung. Auch Invalide wie die beiden Schuhputzer finden dort einen Broterwerb und die Zuwendung wohltätiger Stiftungen.






Kleinkinder auf der Strasse

„Girly Look“! Das Kinder-T-Shirt trägt den englischen Aufdruck mit Blumen aus einer Comic-Welt. Die Zehnjährige ist scheu. Trotzdem kokettiert sie mit der Kamera. Dann aber springt sie plötzlich fort. Sie stammt aus behüteten Verhältnissen wie ein Junge mit flitzigem Fahrrad und keck aufgestellter Mütze. Anders die beiden Kinder an einer Strassenecke von Sultanahmed. Sie warten neben ihrer Plastikwaage auf Kunden, welche eine Münze in den Becher werfen. Während die Kinder aus bürgerlichen Familien sich zusammen mit andern aus  ihrem Milieu die Freizeit beim Spielen vertreiben und zur Schulzeit in schicker Uniform den Unterricht der Grundschule besuchen, bleiben junge Saisonmigranten wie die Schuhputzer aus Agri dem Schulunterricht fern und haben auch abends keine Gelegenheit zum Zeitvertreib. Und die kleinen Altergenossen aus einem armen Altstadtquartier, wo vorwiegend Migrantenfamilien leben, müssen zum Lebensunterhalt ein paar Lira mitverdienen.   Passanten, welche sich auf ihre billige Waage stellen, tun dies wohl aus Mitleid. Sie spenden ein Almosen ohne sie fühlen zu lassen, dass sie in Wahrheit betteln. Diese verhüllte Form der Bettelei ist sehr verbreitet. Nicht weit von den beiden Kindern sitzt ein invalider Greis ohne Rente auf einem Schemel hinter seiner Waage. An einer Stange hat er Gebetsketten zum Verkauf ausgehängt. Kinder verkaufen gerne Süssigkeiten und Kaugummis, Feuerzeuge und Tachentücher. Sie tragen ihre billige Ware in Kartons vor sich her. Touristengruppen drängen sich zum Beispiel am Portal zum Hof der Blauen Moschee. In Sultanahmet machen Kinder einen geringen Tagesumsatz. Aber sie müssen sich wie die kleinen Schuhputzer vor den Moscheewächtern und Ordnungshütern, welche aufdringliche Bettler gern verscheuchen, in Acht nehmen.





Ein Dach unter dem Himmel  

Auf schmalstem Fundament, an einer Gassenverwinkelung erbaut, spottet dieses Haus seit Jahrzehnten statischen Berechnungen, falls es je einem Bauamt eingefallen wäre, die Erdbebenfestigkeit zu überprüfen. Ueber einer steilen Treppe, die sich  an Lagerräumen und Mietelend vorüber hochklimmt, erreichen die Bewohner ihre Loft mit Blick über die Dächer Lalelis auf den Bosporus. Der Dachstock ist wahrscheinlich als schäbige Unterkunft an Saisonmigranten vermietet. Billige Bausubstanz dieser Art ist nach dem Abriss zwei- oder dreistöckiger Altstadthäuser wahrscheinlich in den Fünfzigerjahren hochgeschossen, um Platz für Zuzüger und Gewerbebetriebe zu schaffen. Ein bescheidenes Relikt älterer Generation ist wohl das Giebelhaus im Hintergrund. „Viyana“ - „Wien“ ist auf dem blauen Aushängeschild zu lesen, und weiter: „Fabrik Export-Import“. Ist das Haus Istanbuler „Firmensitz“ eines durch Migrationsbeziehungen geknüpften Joint Ventures? Die Recherche wäre vielleicht spannend, denn unter dem Namen agiert heute eine in zahlreiche Unternehmungen verzweigte Handels-Firma. 



Prokurdische Wahlpropaganda in Istanbul






 
Zwei kurdische Migranten teetrinkend unter Wahlplakaten der HADEP

HADEP, die prokurdische „Demokratische Volkspartei“, wurde 1994 gegründet. 1999 gewann sie bei den Kommunalwahlen 37 Bürgermeister-Aemter, das wichtigste erwartungsgemäss in der osttürkischen Metropole Diyarbakir. Gegen die linksorientierte Partei lief zu dieser Zeit ein Verbotsverfahren. Hauptkriterium für den Prozess war ein Verfassungsartikel, welcher Parteiverbote zum Schutz des Staats gegen innere Spaltung zuliess. Der HADEP wurde eine untürkische Gesinnung zur Last gelegt, weil sie es an ihren Parteikongressen unterliess,  durch das Aufziehen der türkischen Flagge und das Absingen der Hationalhymne ihr Bekenntnis zur türkischen Republik abzulegen. Schwerwiegend, aber nicht konkret nachzuweisen waren ihre Beziehungen zur militanten kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Die HADEP wurde 2003 wie zahlreiche frühere prokurdische Parteien verboten, doch ihre Nachfolge war schon gesichert. Sofort trat an ihre Stelle die DEHAP, die „Volksdemokratische Partei“, welche sich 2005 vor einem weiteren Bannstrahl mit der „Partei für eine demokratische Gesellschaft“ DTP verband. Gegen die DTP, welche 2007 bei den nationalen Parlamentswahlen 20 Ageordnetensitze gewann, ging die Staatsanwaltschaft in den folgenden Jahren durch Politikverbote und Verhaftung zahlreicher Bürgermeister äusserst repressiv vor. Hauptklage führte sie wegen „Aktivitäten gegen die unteilbare Einheit des Staats mit seinem Land und seiner Nation“.

Zwischen 1965 und 1990 war der Prozentanteil der aus kurdischen Regionen stammenden und kurdisch sprechenden Bewohner in den westtürkischen Städten durch Migration stark angewachsen. In Istanbul hatte er sich in dieser Zeitspanne von etwa 3 auf fast 9 Prozent verdreifacht, in Kocaeli sogar von 0,5 auf 8 Prozent versechzehnfacht. Seither hat der Anteil insbesondere im Zusammenhang mit dem Krieg in den Neunzigerjahren, durch den Nachzug kinderreicher Familien und die wirtschaftlichen Erwartungen noch einmal zugenommen. Der Altersdurchschnitt der Zuzüger ist tief. Die Furcht vor kultureller Unterwanderung und wachsendem sozialem Druck nimmt besonders im türkischen Mittelstand zu. Die Lage wird allerdings auch von bürgerlichen Kräften gezielt dramatisiert; die kurdische  und insbesondere alewitische Minderheit wurde in den Grossstadträumen von türkischen Kreisen gerne mit einer durch Propaganda gesteigerten Besorgnis als politische Sprengkraft diskreditiert. Nur ein anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung, verbunden mit einer Liberalisierung und einer dynamischen Entwicklungspolitik in der Osttürkei, dürfte der West-Migration Grenzen setzen, die Gefahr eines sozialen Konflikts eindämmen und einer  politischen Radikalisierung der kurdischen Minderheit vorbeugen. Eine nachhaltige Entspannung in den vorwiegend kurdisch sprechenden Provinzen wurde bislang allerdings mit der durch die AKP-Regierung initiierten Minderheitenpolitik noch nicht herbeigeführt.

  

Bauboom und Arbeitsrecht, Vision und Realität

Während der letzten vier Jahrzehnte verzeichnete der Bau- und Dienstleistungssektor in der Türkei im Vergleich zur Industrie und zur Landwirtschaft, welche nach wie vor den Grossteil der Beschäftigten bindet, überproportionale Wachstumsraten. Bevölkerungszunahme und Migration lösten einen gigantischen Bauboom aus. Da die Bauwirtschaft, wie der Dienstleistungssektor insgesamt, schnelle Renditen versprach, floss ihr der Grossteil der Investitionen zu.

Neben den wenigen Grossunternehmen, welche den Hauptanteil am Bruttosozialprodukt generieren, halten sich in der Bauwirtschaft ähnlich wie in anderen Sektoren mittlere und vorab kleine Unternehmen zusammen mit einer verzweigten Schattenwirtschaft in Boomzeiten fest auf dem Markt. Sie gelten als weniger „kreditwürdig“. Daher bieten sie der Ueberzahl an Arbeitsuchenden Arbeit zum Niedrigtarif an und produzieren mit herkömmlichen Mitteln und viel Improvisationstalent  gezwungenermassen billig. Ein Neubau wird nach traditionellen Methoden hochgezogen. Ein Stangengehölz, durch Diagonal- und Querstreben stabilisiert, stützt die Schalbretter der Stockwerkböden. Viel Abfallholz der Bauwirtschaft fällt zur Weiterverwertung in den Gecekondus an. Occasionsmodelle von Baggern unterstützen den Aushub bei Bau- und Kanalisationsarbeiten, doch der Hilfsarbeiter - der Malocher mit der Schaufel - trägt besonders in der Enge der Altstadtgassen und der Gecekondus immer noch die Hauptlast.

Der soziale Schutz der Arbeitskräfte ist in der Türkei rudimentär, die Verhältnisse verlangen nach den immer wieder aufgeschobenen Reformen. Eine Arbeitslosenversicherung existiert nicht. Weit mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer insgesamt haben keine Sozialversicherung, also zum Beispiel keinen Anspruch auf eine Rente. Ein Viertel aller Betriebe in der Türkei beschäftigt Schwarzarbeiter. In der Bauwirtschaft finden besonders viele Migranten ungeregelte Arbeit im Taglohn. Sie verdienen allerdings in den Agglomerationen der Westtürkei im Vergleich zu andern Regionen überdurchschnittliche Löhne.

Nach dem Militärputsch von 1980 wurden sämtliche Gewerkschaften verboten. Später wurden sie zwar wieder zugelassen, aber ihre Politisierung wurde gezielt unterbunden. Im Mitgliederschwund manifestiert sich die desolate Situation der Gewerkschaftsbewegung. Der Einfluss der Arbeitnehmerverbände blieb bis heute begrenzt. Die mit Schutzbrille, Staubmaske, gelbem Schutzhelm und Oel-Pelerine ausgerüstete Arbeiterpuppe im „Praktiker-Center“ von Uemranye ist angesichts der durchschnittlichen realen Verhältnisse im kleinen und mittelständischen Baugewerbe eine etwas peinliche Vision.






Bilder und Kommentare zum Thema siehe u.a. im Abschnitt dieses Blogs über Ümranye. Oder a.a.O.: Die mediterrane Baufront - vorrückende Ränder der Ferienagglomeration Kusadasi.



Unterwegs - Migranten an den Verkehrsachsen

Das junge Paar überquert eine Strassenüberführung   der Yanyolu im Südosten des asiatischen Teils von Istanbul. Der Vater trägt auf den Armen ein Kleinkind. Unter  der Brücke liegt an der Ausfahrt zur Hauptverkehrsachse nach Anatolien eine Bushaltestelle mit Warteraum, wo die Bewohner der Vorstadt auf die Regional- und Transitbusse aufspringen.





Beim Schalter der Reiseagentur, welche  die Busunternehmen vertritt,  kann man hier ebenso wie auf dem Otogar-Terminal Esenler Tickets für die Fernstrecken lösen. „AVRUPA TURIZM“ -  „Europa Tourismus“ steht auf dem Fenster. „KARS“ ist die Destination am anderen Ende der Türkei, an der Grenze Armeniens. Und „ZILE SES“ bedeutet Glockenschall. Der Firmenname eines Unternehmens der Bus-Turistik-Branche verschlüsselt poetisch das knallharte Geschäft mit den Fernreisenden.





Im Wartraum der winzigen Strecken-Station von Istanbul-Kartal sitzt auf einem Stuhl neben der offenen Metalltüre ein Arbeitsmigrant. Der wartende junge Mann mit karierter Krawatte und Hemd hat seinen Kopf in die Hand gestützt und dreht in den Fingern seine Gebetskette. Vielleicht steht ihm eine Nachtfahrt im Schnellbus bevor - nach Trabzon, Kars, Bingöl, Van oder irgendwohin. Er scheint übermüdet und hat Kopfweh, denn er beschattet mit einer Hand vor den Brauen seine wohl geschlossenen Lider. Vielleicht ist er auch eben von irgendwodort angelangt und wartet auf einen Anschlussbus. 


  


Eine Familie erwartet, für eine längere Reise gekleidet, am Strassenrand mit grossem Gepäck ihren Bus. Vater und Sohn sitzen auf einer verschnürten Schachtel. „LUETFEN YESIL ALANA BASMAYINIZ“ - „Bitte den grünen Rasen nicht betreten“ mahnt ein Schild auf dem Gehsteg über der Unterführung. Daneben braust die Yanyolu. Grün ist hier nichts mehr ausser den paar verkrüppelten Bäumen. Die Stadt wächst am Horizont über die Hügel der Landbrücke von Istanbul nach Osten.  




  




Bild-Rückverweis auf das Grundthema: Kontrast zwischen Vorstellung und Realität

Grossstadt-Zeichnung eines kurdischen Dorfjungen /
Strassenhändler  (Migrant) in Istanbul-Aksaray

(Ausführungen zum Thema siehe a.a.O.)









Literaturhinweise (kurzer Auszug)

Cigdem Akkaya, Yasemin Özbel, Faruk Sen: „Länderbericht Türkei“. WBG, Darmstadt 1998.

Rainer Hermann: „Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei“. dtv, München 2008.

Wolf-Dieter Hüttenroth, Volker Höhfeld: „Türkei. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik“. WBG, Darmstadt 2002.

Dieter Sauter: „Türkisches Roulette. Die neuen Kräfte am Bosporus“. Herbig, München 2007.

Dieter Sauter: „Im Land des Hamam. Begegnungen in der Türkei“. Herbig, München 2006

Günter Seufert, Christopher Kubaseck: „Die Türkei. Politik, Geschichte, Kultur“, C.H.Beck München 2004.

Günter Seufert: „Café Istanbul. Alltag, Religion und Politik in der modernen Türkei“. C.H.Beck, München 1997.

Martin Strohmeyer, Lale Halcin-Heckmann: „Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur“. C.H.Beck,
München 2000.